Alle Themen · Thema 9 von 9 · im Kurs: Modul 9
Hype oder Evidenz
Wie du Studien, Zahlen und Versprechen einordnest
Von Andreas Lerch, Diplom-Sportwissenschaftler Univ., Technische Universität München · Stand der Quellenprüfung: 21.10.2026
Wissen, keine Behandlung: Änderungen bei Training, Ernährung, Fasten oder Präparaten sprichst du vorher ärztlich ab, vor allem bei Vorerkrankungen, Medikamenten, Schwangerschaft oder Stillzeit.
Die Oxford-Evidenzstufen von 2011 sehen für Fragen zu Nutzen und Schaden einer Behandlung systematische Übersichten randomisierter Studien als verlässlichste Antwort.
Einordnung: Die Autoren betonen: Die Stufen sind eine Abkürzung für die Suche, kein endgültiges Urteil. Eine Beobachtung mit sehr großem Effekt kann stärker sein als eine Übersicht weniger Studien.
Leitlinie oder KonsensHowick, J., Chalmers, I., Glasziou, P., Greenhalgh, T., Heneghan, C., et al. (2011). The Oxford Levels of Evidence 2. Oxford Centre for Evidence-Based Medicine. Quelle öffnen
In der CAST-Studie bekamen Menschen nach Herzinfarkt, bei denen Encainid oder Flecainid Extraschläge des Herzens unterdrückte, das Mittel oder Placebo. Mit Wirkstoff starben mehr an Herzrhythmusstörungen (43 gegenüber 16); die Behandlung wurde abgebrochen.
Einordnung: Ein bekanntes Beispiel dafür, dass ein verbesserter Messwert nicht automatisch ein längeres Leben bedeutet.
Randomisierte StudieEcht, D.S., Liebson, P.R., Mitchell, L.B., Peters, R.W., Obias-Manno, D., et al. (1991). Mortality and morbidity in patients receiving encainide, flecainide, or placebo (CAST). New England Journal of Medicine 324(12), 781-788. Quelle öffnen
Von Herstellern finanzierte Studien zu Medikamenten und Medizinprodukten kamen häufiger zu günstigen Ergebnissen und Schlussfolgerungen als anders finanzierte Studien.
Einordnung: Cochrane-Übersicht über 75 Arbeiten. Der Unterschied ließ sich mit den üblichen Prüfungen auf Verzerrung nicht erklären.
Meta-AnalyseLundh, A., Lexchin, J., Mintzes, B., Schroll, J.B. & Bero, L. (2017). Industry sponsorship and research outcome. Cochrane Database of Systematic Reviews 2, MR000033. Quelle öffnen
Viele Ärztinnen und Ärzte, Patientinnen und Patienten verstehen Gesundheitsstatistiken falsch. Beispiel: „25 % weniger Brustkrebs-Tote durch Mammografie“ heißt, dass von 1.000 Frauen eine weniger an der Krankheit stirbt.
Einordnung: Die Autoren raten, absolute statt relativer Risiken zu nennen.
ÜbersichtsarbeitGigerenzer, G., Gaissmaier, W., Kurz-Milcke, E., Schwartz, L.M. & Woloshin, S. (2007). Helping doctors and patients make sense of health statistics. Psychological Science in the Public Interest 8(2), 53-96. Quelle öffnen
Von 50 zufällig gewählten Zutaten aus einem Kochbuch waren 40 in Studien mit dem Krebsrisiko in Verbindung gebracht worden. Viele Einzelstudien meldeten unplausibel große Effekte; in Meta-Analysen lagen die Effekte im Mittel bei null.
Einordnung: Eine systematische Durchsicht der Literatur zu Lebensmitteln und Krebs.
ÜbersichtsarbeitSchoenfeld, J.D. & Ioannidis, J.P.A. (2013). Is everything we eat associated with cancer? American Journal of Clinical Nutrition 97(1), 127-134. Quelle öffnen
Ein Essay mit Modellrechnungen zeigt: Ein Forschungsergebnis ist umso eher falsch, je kleiner die Studien und die Effekte sind und je größer finanzielle und andere Interessen.
Einordnung: Modellrechnungen, keine Messung, wie viele Studien tatsächlich falsch sind.
ÜbersichtsarbeitIoannidis, J.P.A. (2005). Why most published research findings are false. PLoS Medicine 2(8), e124. Quelle öffnen
Eine Cochrane-Übersicht mit 78 randomisierten Studien und 296.707 Teilnehmenden fand keinen Beleg, dass Antioxidantien-Präparate die Sterblichkeit senken. Betacarotin und Vitamin E scheinen sie zu erhöhen.
Einordnung: Untersucht wurden Präparate mit Betacarotin, Vitamin A, C, E und Selen. Die Autoren fordern, solche Präparate vor dem Verkauf wie Arzneimittel zu prüfen.
Meta-AnalyseBjelakovic, G., Nikolova, D., Gluud, L.L., Simonetti, R.G. & Gluud, C. (2012). Antioxidant supplements for prevention of mortality. Cochrane Database of Systematic Reviews 3, CD007176. Quelle öffnen
Wo diese Übersicht endet: die Arzt-Grenze
Diese Übersicht vermittelt Wissen aus Studien und von Behörden und Fachgesellschaften. Sie ersetzt keine ärztliche Beratung, keine Diagnose und keine Therapie.
- Wenn du Beschwerden oder Vorerkrankungen hast, Medikamente nimmst, schwanger bist oder stillst: Sprich Änderungen bei Training, Ernährung, Fasten oder Nahrungsergänzung vorher mit deiner Ärztin oder deinem Arzt ab.
- Blutwerte, Tests und Bildgebung beurteilt deine Ärztin oder dein Arzt. Diese Übersicht nennt keine Referenzbereiche und deutet keine Werte.
- Ob du ein Präparat brauchst und wie viel, klärst du ärztlich oder in der Apotheke. Dosierungen nennt auch der Kurs bewusst nicht.
- Rapamycin, Metformin und andere hier genannte Medikamente sind verschreibungspflichtig: Ihre Anwendung ist ausschließlich ärztliche Entscheidung, kein Selbstversuch.
- Bei neuen oder ungeklärten Brustschmerzen, Atemnot, Ohnmacht oder unregelmäßigem Puls: Training abbrechen und sofort ärztlich abklären lassen.
- Bei anhaltender Freudlosigkeit, Hoffnungslosigkeit oder Anzeichen von Depression ist eine Ärztin, ein Arzt oder eine Psychotherapeutin oder ein Psychotherapeut der richtige nächste Schritt. In akuter Gefahr: Notruf 112.